"Münchhausen" wurde 1934 in Nizza geschrieben. 

Das Gartenhaus des Baron Münchhausen am Abhang des Hopfenberges bei Bodenwerder in Westfalen. Ein Sommerabend gegen Ende des 18. Jahrhunderts, fernab von den Wirren der Französischen Revolution. Es ist die Zeit, in der die alten Herren noch den Zopf tragen, während die jüngeren schon zur freieren Haartracht übergegangen sind.
Der Blick fällt auf einen Nebenarm der Weser, den sogenannten Mühlenteich. Links führt eine sichtbare Treppe den Berg hinauf zu einem holzgetäfelten Raum mit bunten Glasfenstern. In diesem Raum, der mit Jagdtrophäen geschmückt ist, steht ein langer Tisch mit derb geschnitzten Stühlen, auf dem für vier Personen gedeckt ist. 
Münchhausen, der die gelebte Poesie der geschriebenen vorzieht, erteilt einem geschäftstüchtigen Verleger, der in dem phantasiebegabten Baron einen Erfolgsautor zu gewinnen hofft, eine Abfuhr und begibt sich mit seinen Freunden zur reich gedeckten Tafel. Zum guten Essen und zu den guten Geschichten gesellt sich, magisch gleichsam herbeigezaubert, ein junges, hübsches Mädchen...

Das Stück handelt von dem siebzigjährigen Lügenbaron und seiner glücklich-unglücklichen Liebespassion zu einer Siebzehnjährigen.

URAUFFÜHRUNG am 8. Februar 1948 im Schauspielhaus der Städtischen Theater Leipzig

 

REGIE: Max Krüger

        Besetzung der Uraufführung:

        HIERONYMUS VON MÜNCHHAUSEN: Ludwig Anschütz
        BERNHARDINE VON BRÜNN:                Eva Kupfer
        MAJOR VON BRÜNN:                              Albert Garbe
        DIE MAJORIN VON BRÜNN:                   Karla Holm
        WILHELM VON MÜNCHHAUSEN:         Wolf Kaiser
        PRINZ ERNST AUGUST:                         Peter Oehme
        DER DROST VON ALTEN:                     Paul Joachim Schneider
        BURGGRAF VON RINTELN:                   Kurt Hertsch
        BARON GROTHAUS:                               Franz Dehler
        GÖSCHEN:                                                Hans Gerlach
        RÖSEMEYER:                                           Hermann Wedding
        CHRISTEL:                                                 Elve Gard
        Frau BACHMANN:                                    Lotte Molter
        SCHLIESSERIN:                                       Annemarie Hentschel

 Zeit: Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland

 

Die österreichische Erstaufführung
fand kurz darauf, am 17. März 1948, im Wiener Burgtheater (provisorisch im Ronacher) statt.

Besetzung der Hauptrollen: Münchhausen: Max Paulsen; Bernhardine von Brünn: Eva Lissa; Rösemeyer: Julius Karsten; Majorin von Brünn: Maria Eis; von Alten: Hans Marr; von Rinteln: Franz Höbling; Baron Grothaus: Emmerich Reimers; Prinz Ernst August: Curd Jürgens
Regie: Adolf Rott

Biografie: Walter Hasenclever

Geboren am 8. Juli 1890 in Aachen als Sohn eines Arztes. Studium in Oxford, Lausanne und Leipzig, anfänglich Jura, später Literatur, Philosophie und Geschichte. Mitglied des literarischen Kreises in Leipzig, der als eines der Ursprungszentren des Expressionismus gilt. 1910 erscheint Hasenclevers erster Lyrikband, 1914 das Drama „Der Sohn“. 1914: Meldung als Kriegsfreiwilliger, eingezogen jedoch erst im Februar 1915. Hasenclever entwickelt sich bald zum radikalen Kriegsgegner. Im September, anläßlich eines Urlaubes zur Dresdner Aufführung seines „Sohnes“, simuliert er eine psychische Erkrankung, er wird für felduntauglich erklärt und in ein Sanatorium überwiesen. 1917: Kleist-Preis für „Antigone“. — Während der Novemberrevolution gerät Hasenclever unter den starken Einfluß mystischer Theorien (Swedenborg). In den folgenden Jahren trägt er als außergewöhnlich begabter Rezitator mit großem Erfolg auf Tournee-Reisen aus seinen Werken vor. 1924 -1928: Korrespondent des Berliner „8-Uhr-Abendblattes“ in Paris. Es entstehen u. a. die Komödien „Ein besserer Herr“ und „Ehen werden im Himmel geschlossen“. Von 1929 bis 1932 lebt Hasenclever in Berlin, unternimmt jedoch zahlreiche Reisen ins Ausland.

Zur Zeit der Machtergreifung befindet sich Hasenclever in Frankreich. Bis 1934 lebt er in Nizza, 1935 auf einer Insel bei Dubrovnik, von Ende 1935 bis April 1936 in London, dann wieder in Nizza, von Januar 1937 ab auf einem kleinen Gut in der Toscana, wo er am 28. April 1938 aus Anlaß eines Staatsbesuches von Hitler für 10 Tage inhaftiert wird. Von panischer Angst erfaßt, an die Gestapo ausgeliefert zu werden, flieht Hasenclever mit gefälschten Papieren nach Frankreich; er läßt sich in Cagnes (Cote d‘Azur) nieder. - Im September und Oktober 1939 wird Hasenclever zweimal im Lager Fort Carré (Antibes) inhaftiert. Im Mai 1940 Deportation in das Lager Les Milles. Am Abend des 20. Juni 1940 nimmt Hasenclever in der Befürchtung, die deutschen Truppen würden am kommenden Tag das Lager erreichen, eine tödliche Dosis Verona!. Er stirbt am folgenden Tag.

Walter Hasenclevers Schauspiel Münchhausen (1934) läßt sich mit der privaten Exilsituation dieses Autors leicht in Verbindung bringen. Auf jene verweist einmal die elegische Verklärung der Liebe eines alten Mannes zu einer sehr jungen Frau, zum andern die Rühmung der die Wirklichkeit überwindenden Kraft der literarischen Fiktion, für die hier die Gestalt des „Lügenbarons" Münchhausen steht.

Hasenclevers „Münchhausen“ ist die Geschichte der Liebe eines Siebzigjährigen zu einer Siebzehnjährigen. Diese bewundert den so viel Älteren und heiratet ihn. Sie liebt ihn mehr als die jüngeren Männer, mit denen sie ihn ständig betrügt. Der jungen Frau zuliebe verschleudert der maßlose Baron seinen gesamten Besitz. Münchhausen, von seiner Frau verlassen, von seinem Neffen entmündigt, ist am Ende ein gebrochener Mann. Doch kehrt seine Frau zu ihm zurück. Die „Liebe“ ist nicht zerstört, sie dauert über den Tod hinaus fort. Das Stück, das von Münchhausen handelt, hat mit den Unwahrscheinlichkeiten seiner Fabel selbst etwas von einer Münchhausen-Geschichte, ja, diese Ähnlichkeit ist nicht ohne programmatische Absicht seitens des Autors gedichtet: Durch das Erzählen vor einem Kreis Gleichgesinnter bildet sich im Widerspruch zu einer schnöden Welt voller Kriege und Verhängnisse eine Oase der Menschlichkeit. Heiterer Lebenssinn Geselligkeit, Freundschaft sind die einzigen Werte, die dort zählen Poesie und Leben fallen in dieser höheren Sphäre zusammen. Hasenclever hat in seinem autobiographischen Exilroman „Die Rechtlosen“ einen ähnlichen Geisteszustand immer wieder zu beschwören versucht. Das Stück, in dessen Fabel harte Brüche nicht fehlen, durchzieht ein naturlyrischer Ton, abgestimmt auf Phantastik und Zartheit. Die „Prosa“ des Lebens wird durch „Poesie“ des Herzens, die Witz und Übermut nicht ausschließt, weit weggerückt. Jene „Prosa“ taucht nur blitzhaft einmal auf, so wenn Münchhausen auf das faschistische Deutschland anspielt und davon spricht, daß „Wölfe im Park“ seien und wenn er, demgegenüber, das Bild des wahren Deutschland heraufruft:

  „(...) Wie klar der Mond ist! Dort unten schläft Deutschland im Schatten der Täler. Gott schütze es! Ich sehe seine Wälder und Ströme. Ich sehe sein wahres Antlitz. Möge es auferstehen im Geiste! (...) „

 Etwas wie Erfüllung politischen Auftrags ist in diesem Stück nicht mehr erkennbar Hasenclevers „Münchhausen“ ist eine Flucht- Dichtung par Excellenze, halb elegisch, halb idyllisch in ihrem Charakter Der Begriff „Liebe“, die von allem erlöst, ist entschieden sentimentalisch konzipiert - auch und gerade, wo er mit der Gebärde der Naivität poetisch entgegentritt. Das Stück reflektiert partiell und überspielt zugleich seinen eigenen Widerspruch: die an den Rand der Verzweiflung gedrängte Überlebenshoffnung. Für die Bewußtseinslage vieler Exilierter ein höchst aufschlußreicher Text, wenn man will: ein „Dokument“.

Quelle: Walter Hasenclever: Gedichte. Dramen. Prosa. Unter Benutzung des Nachlasses hrsg. und eingeleitet von Kurt Pinthus.
Reinbek: Rowohlt Verlag 1963, S. 336-343.